Mittwoch, 2. Februar 2011

Margret Geitner berichtet für dieses Blog regelmäßig über ihre Eindrücke der Karawane Bamako-Dakar . (Alle Berichte)

Mittwoch, 2. Februar 2011

Nach dem üblichen Frühstück mit Kaffee und Brot gehen wir los zur Konferenz, der Vorstellung der nun ja eigentlich zwei Karawanen und der beteiligten Gruppen. Durch staubige Straßen führt unser Weg. Es sollen 10 Minuten sein – aber Zeit ist eine relative Variable. Eine knappe halbe Stunde laufen wir auf der Sandpiste vorbei an halb fertigen Häusern und werden immer wieder von einer Sandwolke eingestaubt. Nach wenigen Minuten fühlen Mund und Nase unglaublich trocken an. Die Dusche von vorhin scheint komplett überflüssig gewesen zu sein. In der Regenzeit verwandelt sich alles in Schlamm und ist kaum noch passierbar. Unfassbar unwirtliche Lebensbedingungen.

Wir finden uns allmählich in dem Konferenzraum ein und warten darauf, dass die Veranstaltung beginnen möge. Der Plan ist, dass nach der Vorstellungsrunde verschiedener Gruppen der Karawane Workshops beginnen über die europäische Abschottungspolitik, das europäische Grenzregime in Afrika und über den Zusammenhang von Migration und Entwicklung.

Ein Lokalpolitiker aus Kayes berichtet über regionale Projekte. Schon seit kolonialer Zeit ist Migration ein bedeutender Faktor für die Region Kayes. Waren es lange Jahre Auswanderung und die damit verbundenen Probleme, aber auch die Rücküberweisungen der MigrantInnen, sind sie heute zunehmend damit befasst, dass viele zurückkehren – freiwillig und unfreiwillig. Projekte zur Reintegration der RückkehrerInnen, aber auch solche, die deren im Ausland gewonnene Fähigkeiten erkennen und für die regionale Ökonomie nutzbar machen stehen heute im Mittelpunkt. Aus der Not eine Tugend machen. Sicher ist auch, dass derlei Projekte von der EU gefördert werden. Zuerst schiebt man die Unerwünschten ab und macht sich dann im zweiten Schritt zum Wohltäter….

„Welcome back“ heißt eine kamerunische Organisation, die sich ähnliches für zurückgeschoben KamerunerInnen anbietet. Sie werden unsere Karawane früher verlassen, um nach Goré zu fahren. Auf der ehemaligen Sklaveninsel soll am Freitag die Charta der MigrantInnen verabschiedet werden. Für das Recht auf Bewegungsfreiheit, für das Recht auf Asyl, gegen Frontex und gegen Abschiebungen – auch innerafrikanische wird sich die Charta aussprechen und soll in Folge den Vereinten Nationen übergeben werden.

Mit großem Beifall werden die tunesischen GenossInnen begrüßt. Alle freuen sich mit ihnen und darauf, dass sie von ihren erfolgreichen Kämpfen berichten werden.

Die Sans Papiers aus Paris richten ihre Forderungen gegen Abschiebungen und für umgehende Legalisierung nicht nur an die europäischen Regierungen, sondern auch an die afrikanischen. Mit der Unterzeichnung der Rückübernahmeabkommen tragen sie dazu bei, dass massenhafte Abschiebungen wesentlich erleichtert werden. Die malische Regierung wird aufgefordert, konsequent zu bleiben und das von Frankreich geforderte Rückübernahmeabkommen nicht zu unterzeichnen.

Für einiges Aufsehen und einige Aufregung sorgt das Theaterstück unseres Netzwerks Afrique-Europe-Interact. Exemplarisch wird die Geschichte von Oury Jalloh erzählt, als Tanztheater. Die Emotionen kochen hoch, es gibt viel Beifall und Zustimmung, aber auch Unmut und Ärger. Die europäische Polizeigewalt sei nicht das, was die Menschen hier in Mali zentral interessiert bzw. was für sie zentral wichtig sei, sagt eine Frau ins Mikrofon. Auch verstehe sie nicht, warum der Polizei und ihren Übergriffen in diesem Stück soviel Raum beigemessen werde, wir seien hier als soziale Bewegungen und sollten unsere Auseinandersetzungen und unsere Kämpfe darstellen. Spannend. Wurden doch ähnliche Bedenken bei den Vorbereitungstreffen diskutiert. Hier zeigt sich der große Diskussions- und Auseinandersetzungsbedarf untereinander. Was sind unsere gemeinsamen Probleme und Konflikte und Forderungen und wo legen wir die Schwerpunkte? Diese Fragen werden wir in den nächsten Tagen nicht abschließend beantworten können. Aber genau hier muss unser Netzwerk beginnen, um weitermachen zu können.

Auf dem immer noch staubigen, aber nun zudem noch unglaublich heißen Rückweg erzählen zwei GenossInnen aus Burkina Faso von den Landnahmen in ihrer Region.Sie sollen ihr Land verkaufen, manchmal werden einfach Besitztitel umgeschrieben. Noch vor einigen Jahren für die internationalen Konzern unbedeutende Landstriche in West- und Zentralafrika sind heute hart umkämpfte Äcker. Insbesondere für Biodiesel vernutzbare Pflanzen können oft auch auf recht kargem Boden wachsen. Aber die Bäuerinnen haben sich zusammengetan und Widerstand organisiert, ihre Anliegen dem Bürgermeister vorgetragen, den lokalen Entscheidern und beginnen nun, auch über ihre Teilnahme am WSF in Dakar, sich mit anderen ähnlichen Gruppen in Burkina Faso und darüber hinaus zusammenzuschließen. „Wenn heute die vermeintlich neuen Besitzer unsere Subsistenzäcker kommen, nehmen wir Besen und Knüppel und verjagen sie“, erzählt uns die Genossin.

Am späten Nachmittag fahren wir weiter. Nach knapp zwei Stunden erreichen wir die malisch-senegalesische Grenze. Die Sonne ist mittlerweile untergegangen und wir harren der Erledigung der Grenzformalitäten. Dunkle Nacht, die Busse parken am Straßenrand, direkt dahinter geht es eine Böschung hinab, dann kleine Läden und Restaurants. Auf der Straße nur LKWs, in beide Richtungen dicht an dicht, ihre Scheinwerfer machen klar, wie staubig die Luft ist. Im Schneckentempo geht es für sie vor oder manchmal auch zurück. Schlechte Luft, überall Staub und Dreck, laute Abgas spuckende LKWs …. Zum Glück können wir irgendwann fahren, ohne dass die Grenzbeamten uns einen Ausreisestempel gegeben haben. Wahrscheinlich war es zu spät und wäre zu anstrengend gewesen, knapp 800 Leuten Stempel in die Pässe zu geben.

Weitere drei Stunden führt unsere Reise durch die Nacht, alle schlafen und gegen 3 Uhr morgens kommen wir endlich in Tambacaunda an, einer Handelsmetropole auf der Zentralstrecke zwischen Bamako und Dakar. Das Essen wartet sogar auf uns. Übermüdet, aber dann immerhin sattgegessen fallen wir in unsere Zelte oder unter unsere Moskitonetze.

Weitere Informationen auf der Seite Afrique-Europe-Interact.net