Klima – Bewegung – Strategie: Es war einmal ein Klimagipfel…

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Als vor einigen Tagen im Berliner Haus der Kulturen der Welt Albrecht von Lucke (von den Blättern für Deutsche und Internationale Politik) einen Vortrag von Naomi Klein zu Ihrem exzellenten neuen Buch Die Entscheidung: Klima vs. Kapitalismus anmoderierte, kam er trotz des sonst sehr gut getroffenen Tons um eine Zote nicht herum: In Paris stünde dieses Jahr im Dezember der wichtigste klimapolitische Moment des Jahrzehnts an, beschwor er uns. Wie die meisten Leser*innen hier sicherlich schon wissen, bezog er sich damit auf den sog. COP21 Klimagipfel, der – ähnlich der Art und Weise, wie das vor 6 Jahren mit dem Klimagipfel in Kopenhagen geschah – mit zunehmend intensiver Rhetorik als so ziemlich die letzte Chance dargestellt wird, die Welt und das Klima und überhaupt alles Wahre, Schöne und Gute zu retten. Ja, schön wär’s: Die Emissionen steigen, und wer vor einigen Tagen gelesen hat, dass sie das nicht mehr tun – z.b. hier und hier – dem sei versichert, dass das mal wieder viel heiße Luft ist: es geht dort ausschließlich um Emissionen aus dem Energiesektor, Landwirtschaft wird also nicht mitgerechnet; ein Jahr macht noch keine Trendumkehr; und weder die Emissionszahlen der US-Regierung (Stichwort methane leakage beim Fracking) noch der Chinesischen Regierung (die sich zunehmend sozial-ökologischem Mobilisierungsdruck ausgesetzt sieht) sind wirklich glaubhaft. Aber ich schweife ab, worum ging’s? Ach ja, die Klimagipfel sind unsere letzte Chance. Genau. Nur gibt’s da ein kleines Problem: wir wissen jetzt schon ziemlich genau, dass der Klimagipfel in Paris weder ausreichend Geld für Klimaanpassung auf den Tisch legen wird; noch ausreichende Emissionsreduktionen; noch durchsetzungsstarke Politikmechanismen designen wird.

Und warum reden wir über dieses Thema im WSF-Blog? Weil gestern, einen Tag vor dem offiziellen Beginn des WSF am heutigen Dienstag, ein zweitägiges, von der französischen Coalition Climat 21 – dem Zusammenhang, der zivilgesellschaftliche Mobilisierungen zum Gipfel hin organisiert, und vom linken Flügel attacs bis hin zu sehr moderaten NGOS aus dem Climate Action Network ein sehr breites Spektrum an politischen Positionen vereint – organisiertes Treffen der globalen Klima(gerechtigkeits)bewegungkader stattfand, um dort Pläne für die Gipfelmobilisierungen zu schmieden. Nach allerlei Vorgeplänkel ging es dann am Nachmittag endlich in die Arbeitsgruppen, und als großer Fan des Geschichtenerzählens ging ich in die Arbeitsgruppe zum ‚overarching narrative‘, also der Erzählung, die alles zusammenhält. Jenseits meines persönlichen Interesses am Erzählen spannender politischer Geschichten hatte diese Wahl auch noch einen weiteren Grund: seit dem ersten Treffen der Coalition in Paris im vergangenen August treibt mich schon die Sorge um, dass es eigentlich fast unmöglich ist, in diesem Jahr eine Geschichte zu erzählen, ein Narrativ zu entwickeln, dass Leute nach Paris mobilisiert (denn: wir wollen natürlich auch große und kraftvolle Demos und Aktionen in Paris, jenseits der zunehmend dynamischen Anti-Kohle-Mobilisierungen hierzulande – z.B. hier und hier), ohne dabei die reale Bedeutung des Gipfels maßlos zu überbewerten.

Vor einigen Jahren, bei der Mobilisierung zum Klimagipfel in Kopenhagen 20o9 (der COP15), gab es schon einmal die Erzählung, dies sei die letzte Chance zur Rettung der Welt. Damals saßen auch wir Bewegungen dieser Erzählung auf, entwickelten unsere eigenen Varianten davon – entweder affirmativ, wie bei Greenpeace (im Nachhinein schon fast lustig hilflos: ‚Act Now!‘), oder kritisch, wie bei den Klimagerechtigkeitsleuten (im Nachhinein fast schon tragisch größenwahnsinnig: ‚der Gipfel wird die Klimakrise nicht lösen, lasst es uns selbst tun!‘) – obwohl letztere sich zumindest ins Zeugnis schreiben können, dass es ihnen eher um den Kopenhagen-‚Moment‘, als um den Gipfel selbst ging. Mit diesen verschiedeenen Erzählungen also mobilisierten wir jeweils Tausende nach Kopenhagen, zu Demos und Aktionen und Diskussionen – und am Ende geschah nix. Garnix. Kein Deal, keine neue  Klimagerechtigkeitsbewegung, die die globalen Verhältnisse zum Tanzen bringt… Und die Tausenden Menschen? Viele von ihnen verfielen danach in das, was viele von uns heute die ‚Post-Kopenhagen-Depression‘ nennen: die beinahe logische Reaktion auf eine Situation, in dem ein Moment mit schon fast unmöglicher Wichtigkeit aufgeladen wird, und dann komplett scheitert. Denn: wenn wir Recht hatten, hätte dann nicht die Welt untergehen müssen?

Viele von uns zogen daraus den Schluss: nie wieder Kopenhagen, nie wieder eine so absurde Überbetonung eines Moments, und schon gar nicht eines Klimagipfels. Und jetzt, wie sieht’s in der Paris-Mobilisierung aus? Ich befürchte, dass wir irgendwie sehenden Auges in die selbe Gefahr stolpern. Wir – die Coalition – hat sich auf Massenmobilisierungen nach Paris geeinigt. Aber für eine gute Mobilisierung braucht’s eine gute Geschichte, es muss den Leuten, die auf der Straße sein sollen, ja klar sein, warum im Dezember nach Paris zu fahren irgendetwas bringt. Ganz schematisch gesprochen, würde ich vorschlagen: ein mobilisierendes Narrativ besteht aus drei Elementen:

1. Identifikation eines Problems und/oder Bedürfnisses;

2. Vorschlag einer Praxis (z.B. Streik, oder eben eine Gipfeldemo, oder ziviler Ungehorsam);

3. Ein Argument, wie die vorgeschlagene Praxis dazu beiträge, das Problem zu lösen, oder das Bedürfnis zu befriedigen.

Und darin liegt das Problem: um viele Menschen davon zu überzeugen, nach Paris zu fahren, müssen wir deren Probleme und Bedürfnisse (in diesem Fall wollen wohl die meisten, die potenziell dorthin fahren, katastrophalen Klimawandel abwenden) mit dem Ort in Verbindung setzen, an dem sie protestieren werden. Das würde wiederum bedeuten, dass es fast unausweichlich ist, zu sagen, dass beim Gipfel doch eventuell ein guter Deal möglich ist. Dies würde wiederum zu Frustrationen führen, wenn es keinen guten Deal gibt, und vielleicht zu einer Wiederholung der Postkopenhagendepression, die der Klimabewegung lange in den Knochen steckte.

Ich muss hier leider abbrechen, das Treffen geht in einer halben Stunde weiter, und ich muss los. Als kurzer Anteaser aber: die Diskussionen gestern waren nicht vertrauenserweckend. Ich habe das Gefühl, wir stolpern sehenden Auges wieder in eine Kopenhagen-Situation. Und wir laufen Gefahr, unsere Basis zu belügen.

Aber dazu später mehr…

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