Wer stählt den Stahl? Prekarisierung als größte Herausforderung für internationale Gewerkschaftsbewegung

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Gautam Mody vom indischen Gewerkschaftsverband NTUI wird deutlich: „Die Frau, die das Klo in der Stahlschmelze putzt und der Fahrer, der Material anliefert, sind ebenso an der Produktion von Stahl beteiligt wie die Facharbeiter/innen. Auch sie müssen wir an gewerkschaftlichen Reorganisierungsprozessen beteiligen“. Auf Einladung der Rosa-Luxemburg-Stiftung diskutierten Mody und rund 20 weitere Gewerkschaftsvertreter (sowie einige wenige Vertreterinnen) aus der Türkei, Mexiko, Costa Rica, Kroatien, Argentinien, Brasilien, Burkina Faso, Guinea und Tunesien während des zweitägigen Workshops „Modes of Organising Global Labour Solidarities“ im Vorfeld des Weltsozialforums in Tunis Erfahrungen und Probleme der Organisierung und Solidarität entlang transnationaler Produktionsketten.

Schon während der Vorstellungsrunde am Montagnachmittag (23. März) wird klar, dass die Erfahrungen der Teilnehmer/innen ebenso unterschiedlich sind wie die Sprachen, die sie sprechen und die politischen und sozioökonomischen Situationen der Länder, aus denen sie angereist sind. So kämpfen die Beschäftigten des Hafens von Puerto Limón in Costa Rica, einem der wichtigsten internationalen Häfen im karibischen Raum, gegen die erste größere Privatisierungswelle in dem zentralamerikanischen Land. Sie wird auch die öffentliche Infrastruktur betreffen. Die mit Privatisierungen verbundene Prekarisierung von Arbeit und Fragmentierung der Lohnabhängigen ist hingegen für die Gewerkschaftsvertreter aus Mexiko, der Türkei und Indien nichts Neues.

Im Fall von Mexiko etwa liegt der Beginn dieser Prozesse mit dem Inkrafttreten des Nordamerikanischen Freihandelsabkommens NAFTA schon mehr als 20 Jahre zurück. Derzeit befindet sich das Land sogar in einem unerklärten, aber deshalb nicht minder brutalen Krieg zwischen rivalisierenden Mafiaorganisationen, Militär und Polizei. Es ist ein unübersichtlicher Krieg, der sich zunehmend auch gegen jede Form sozialer Opposition richtet, darunter nicht nur Gewerkschaften, sondern auch Umwelt-, Menschenrechts- und indigene Bewegungen.

Raul Héctor de la Cueva vom Informationszentrum für Arbeiter/innen und Gewerkschaften (CILAS) in Mexiko betont daher, dass eine internationale Gewerkschaftsbewegung wieder mehr ein Teil umfassender sozialer Kämpfe gegen Entrechtung, Repression und Prekarisierung werden müsse. „Der Neoliberalismus und seine schärfste Waffe, die Prekarisierung von Arbeit und Leben“, sagt de la Cueva, „fordert uns auf, alte, vergessene Formen der Arbeiterorganisierung zu rekonstruieren sowie neue zu erfinden. Das Modell der sektorialen- oder der Unternehmensgewerkschaft repräsentiert immer weniger Arbeiter/innen. Es kann vor diesem Hintergrund nicht mehr im Mittelpunkt der Arbeiter/innenbewegung stehen“. Stattdessen müssten territorialen Formen der Organisierung stärker entwickelt werden, welche auch die informelle Ökonomie und die Probleme im direkten Lebensumfeld der Arbeiter/innen einbezieht. Als Beispiele nennt er Nachbarschaftszentren oder Workers Centers.

Auch Gautam Mody sieht die größte gemeinsame Herausforderung für die internationale Gewerkschaftsbewegung im weltweiten Trend der Prekarisierung und Fragmentierung von Arbeits- und Lebensverhältnissen, auf die eine neue internationale Gewerkschaftsbewegung Antworten finden müsse. Suzanna Miller von IndustriALL, eine globale Initiative der Organisierung von Industriegewerkschaften, macht in diesem Zusammenhang vor allem auf die Arbeitsmigranten/innen als bislang von Gewerkschaften wenig beachtete Akteure aufmerksam.

Mody und de la Cueva kritisieren zudem scharf die Entwicklung der großen Industrie-Gewerkschaften des Nordens, allen voran die deutsche IG-Metall, für ihre Dominanz in internationalen bzw. globalen gewerkschaftlichen Organisationen wie IndustriALL, aber auch für ihre historische Entwicklung „from militant trade unionism to exclusive managerialism logics“ wie es Mody ausdrückt. Er plädiert für eine Rückbesinnung auf „grass-roots-activism“. Kivanc Eliacik von der türkischen Gewerkschaft DISK beklagt die Tendenz der Verwandlung von politischen Gewerkschaften zu NGO-ähnlichen und entpolitisierten Organisationen, je länger diese auf Gelder internationaler entwicklungspolitischer Institutionen angewiesen seien.

So steht neben dem Thema der Prekarisierung vor allem das ungleiche Nord-Süd-Verhältnis im Mittelpunkt des Workshops. Mody spricht von „North-Centrism“ der europäischen und nordamerikanischen Industriegewerkschaften, was Fragen der Solidarität betrifft, aber auch Fragen der gleichberechtigten Partizipation der Süd-Gewerkschaften. De la Cueva möchte Solidarität nicht als Entwicklungshilfe vom Norden Richtung Süden verstanden wissen. „Solidarität“, so Cueva, „ist für uns keine Frage von Hilfe, sondern von starker Organisierung, auch im Norden. Denn auch dort wächst der Druck auf die bisher gut bezahlten Facharbeiter/innen. Wir können dabei auch Solidarität vom Süden in den Norden praktizieren.“

Als positives Beispiel für Organisierung und Solidarität entlang transnationaler Produktionsketten führen Modi, aber auch Tomislav Kis von der kroatischen „Novi Sindicat“ die Kooperationen zwischen verschiedenen Akteuren an verschiedenen „Stationen“ der so genannten Textilkette. So kooperieren die Textilarbeiterinnen von „Novi Sindicat“ erfolgreich mit der „Kampagne für Saubere Kleidung“ und Mody berichtet von Versuchen einer gemeinsamen Organisierung der Arbeiter/innen von Zulieferbetrieben in Bangladesh, Indien und Sri Lanka mit Beschäftigten in Textil-Einzelhandelsketten wie H&M oder Esprit.

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